Wenn Wissen Leben retten kann –
Gewalt und Gefahren gewachsen sein
Sicherheit in der Entwicklungshilfe – was können Entwicklungshelfer für ihre Sicherheit tun?
Die Überschrift dieses Artikels ist auch der Titel des Buches, das von Elisabeth Maria Litsch, Diplom Psychologin und Leiterin von COPE, Psychologische Personalberatung für Krisen- und Konfliktmanagement, bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) GmbH und Rainer Linsenmayr, Diplom Verwaltungswirt und Konfliktberater bei der Polizei in Baden-Württemberg geschrieben wurde. Menschen die im Ausland arbeiten soll das notwendige Wissen vermittelt werden, das Ihre Zuversicht stärken kann, den verschiedenen Gefahren gewachsen zu sein“. Ein Ziel des Buches und der Trainings, die der Verfasser mit seinem Team seit Jahren erfolgreich praktizieren, ist es, „darauf hinzuwirken, dass“ die Menschen „undifferenzierte Angst vor Gefahren vermeiden, da Menschen durch diese leicht manipulierbar und schwach werden“.
„Der Überfall fand in Bele’m statt, eigentlich ein ruhiges „Städtchen (12,5 Mio. Einwohner), kein Vergleich zu Sao Paulo und Rio, in Nordbrasilien. Ich habe mit meinem Team knapp drei Monate dort gelebt, um eine Studie zu erstellen.
Ich saß am letzten Abend mit zwei Kolleginnen in der Freiluftkneipe am zentralen Platz der Stadt. Wir hatten uns dort gegen 22.30 Uhr eingefunden, ein gemeinsames Bier getrunken, die letzten drei Monate Revue passieren lassen und dann wollten die Beiden zurück ins Hotel. Dieses war zwei Blocks entfernt, es war zwar relativ ruhig, wir alle hatten aber nie das Gefühl einer Bedrohung und waren außerdem schon 50 mal dort entlang gegangen. Auch zu dieser Uhrzeit und auch allein“ (1. Fehler – Unterbewusstes „mir kann hier nichts mehr passieren, ich kenne mich ja aus“ Gefühl). „Sie sind gegen 23.30 Uhr vorgegangen, während ich noch ein Bier bestellte, bei bisschen vor mich hinträumte und meinen Gedanken der letzten drei tollen Monate nachhing.
Gegen 23.45 Uhr bezahlte ich dann, hatte einen kleinen Schluck zuviel getrunken“ (2.Fehler) „und ging dann die Straße Richtung Hotel hinab, ohne mir irgendwelche Gedanken zu machen, dass etwas passieren könne. Auf Mitte des ersten Blocks überholte mich ein junger Mann relativ eilig (und ich bei 1,90 m bin schon nicht langsam gelaufen!), fragte mich nach der Uhrzeit, ich blickte auf meine Uhr (aus Plastik, Wert 5€, man sorgt ja vor), sagte im vergnügt auf portugiesisch: „Fast Mitternacht.“
Eigentlich hätte ich an dieser Stelle schon stutzig werden sollen“ (3. Fehler – nicht auf sein Gefühl der Gefahr gehört). „An der ersten Straßenecke machte dieser Typ vor mir noch einen relativ großen Bogen in die Straße rein, um dann geradeaus in meiner Richtung weiterzulaufen. Das fand ich ganz schön komisch!“ (4. Fehler – noch einmal Gefühl der Gefahr und wieder nicht aktiv reagiert). „Ich gehe also auch über dieses kleine Sträßchen, blicke mich halb dabei um und sehe aus den Augenwinkeln noch einen anderen Typen. Spätestens da hätte es endgültig klingeln müssen. Ich aber verträumt etc. nicht reagiert. Im nächsten Moment hat mich dann ein Mann von hinten angesprungen, mich gewürgt – da wusste ich dann endgültig was los war! Ich habe dann meine Hände nach vorne gehalten, um zu zeigen, dass ich damit nichts vor habe“ (Besonnene richtige Reaktion, auch unsere Empfehlung), „worauf sie mir ein zweiter Typ von hinten wieder herunterriss und der Dritte, der der mich vorher überholt hatte, wieder zurück kam und mir ein Springmesser gegen den Bauch hielt. Im ersten Moment dachte ich: „Oh Scheiße!“ Im zweiten Moment war ich mir relativ sicher, dass der Typ mir nichts tut.
Dann haben sie mich durchsucht, sich kannten sich echt aus und haben einen Bauchgurt gesucht, den ich nicht hatte. Als sie nicht viel fanden (ich hatte 50 Reais ca. 15 € dabei) merkte ich, dass sie etwas ungeduldig wurden. Ich sagte ihnen dann: „Hier – ich habe noch meine Uhr“. Diese zogen sie mir auch noch aus, sahen dabei ärgerlicherweise noch den Freundschaftsring meiner Freundin, den sie sich auch gleich unter den Nagel rissen, und sagten dann, dass ich wohl nichts mehr habe.
Während der ganzen Zeit hatte ich den Typ am Hals hängen, er war eigentlich kleiner als ich und hing richtig, und das Messer am Bauch. Ich habe ihnen den Vorschlag gemacht, dass sie doch wieder zum Park zurückgehen sollten, ich würde sie auch in Ruhe lassen, wenn ich weiter in meine Richtung gehen könne. Diesem Vorschlag willigten sie ein, der Typ ließ mich los, wir wünschten und – wie absurd! – noch einen schönen Abend und sie gingen ruhig zurück. Ich ging zur Ecke und rannte dann die letzten 30 Meter ins Hotel“.
Ein typisches Gewaltszenario, das nicht nur Entwicklungshelfern sondern auch anderen, sich in fremden Ländern bewegenden Menschen, passiert ist oder passieren kann. Wir sind überzeugt, „dass es möglich ist, Gefahren zu erkennen, ihnen auszuweichen und so auf sie zu reagieren, dass die Auswirkungen abgemildert werden. Es geht um eine realitätsangemessene, nüchterne Sicht auf die Existenz von Gewalt und Bedrohung und den konstruktiven und lebensförderlichen Umgang damit“. Es ist wichtig zu hinterfragen, „welche inneren Haltungen und Einstellungen es“ den Menschen „leichter machen, sich unbeschadet in unsicheren Umgebungen zu bewegen und sich selbst dabei zu schützen. Entscheidend ist aber auch einer anderen großen Gefahr entgegenzuwirken: „Dem Abstumpfen und der Normalisierung von Gewalt und dem Tabuisieren von Bedrohungen in Auslandseinsätzen. Denn an vielen Orten dieser Welt sind Waffen und potenzielle Gewalt so allgegenwärtig, dass Menschen in Gefahr sind, ihre Maßstäbe zu verschieben und stumpf zu werden“.
„Wir mögen die Welt kennenlernen wie wir wollen, sie wird immer eine Tag- und eine Nachtseite haben.“ (Johann Wolfgang von Goehte). Weshalb sich mit Gefahren beschäftigen, sich mit der Nachtseite auseinandersetzen? Die politische Entwicklung weltweit ist nicht friedvoller und stabiler geworden. Der „neue Terrorismus“, innerstaatliche Konflikte und die Gewaltkriminalität haben nicht abgenommen. Naturkatastrophen scheinen in ihrer Häufigkeit und Intensität zuzunehmen. Alles gute Gründe, um sich mit den drohenden Gefahren auseinanderzusetzen und sich darauf angemessen vorzubreiten.
Doch vielen Menschen liegt es fern, „sich mit Gefahren zu beschäftigen”. Diese Abwehr ist in der Natur des Menschen begründet. Dieser möchte stolz auf das sein, was er tut und möchte sich willkommen fühlen. Die Vorstellung, fremd, vielleicht störend oder sogar gefährdet zu sein, ist unangenehm und kränkend. Darüber hinaus ist die Vorstellung, selbst Opfer zu werden, sehr abschreckend. Das Gefühl eigener Unterlegenheit, eigener Schwäche und Hilflosigkeit oder Ohnmacht verletzt das Selbstverständnis des Menschen.“ Menschen entwickeln ohne Not kein Gefahrenbewusstsein und keine Gefahrensensibilität. Die Verdrängung erfolgt, um nicht im Bewusstsein ständiger Gefahr leben zu müssen. Nur durch Ausbildung kann der Mensch lernen, gut damit zu leben ohne zu leugnen. Diejenigen, die bereits sensibilisiert sind oder Vorwissen haben, sehen Prävention und Training als notwendig an. Die anderen müssen erst überzeugt werden.“
Das chinesischen Sprichwort „vor dem Sturz bewahren, ist besser als nach dem Sturz auf die Beine zu helfen“ steht als Leitspruch über dem „Security-Awareness-Training“ für Mitarbeiter und –innen der GTZ. Ein Dreittagestraining das viel Raum für Spekulationen, Wahrnehmung von Angst und Stress, von Aggressionen und Gefährdungen, Verhaltensempfehlungen und Risikominimierung für Wohnung, Kraftfahrzeug und Arbeitsstelle, Fahr-, Sicherheits- und Selbstschutztraining, sowie mentale Strategien zur Risikominimierung beinhaltet. Training nicht nur als Vorbereitung auf einen Auslandseinsatz, sondern auch spezifisch im betreffenden Einsatzland. Ein sehr hoher inhaltlicher Anspruch, dem die Trainer durch Reduktion auf das Wesentliche, dem praktischen Erleben der Teilnehmer, der hohen Trainingsintensität und dem vollen Trainereinsatz gerecht werden.
Angst zu begreifen was sie ist, ein uralter Mechanismus des Menschen, der uns schützt und nicht nur lähmt, erweist sich als sehr hilfreich. Gavin de Becker, der amerikanische Sicherheitsexperte, gibt durch sein Buch „Mut zur Angst“, den Teilnehmern die Leitlinie vor: „Wie Intuition uns vor Gewalt schützt“. Konkrete Angstsituationen werden beschrieben, bildhaft dargestellt und Lösungsansätze gesucht. Es geht um Selbstrettung aus Krisensituationen. Bei von manchem Teilnehmer als „ausweglos“ eingestufte Szenarien wurde festgestellt, dass es auch dort noch Möglichkeiten zur, nicht unbedingt gefahrlosen, Bewältigung gibt.
Abgerundet wird der erste und zweite Trainingstag mit praktischen Selbstschutzeinheiten. Das Opfer entscheidet bei einem tätlichen Angriff, wann es mit seiner Abwehr beginnt, ist für die Teilnehmer nach der Darlegung von Angriffsverläufen sehr einleuchtend. Genügend Zeitgewinn und Freiraum zur Flucht, nicht den Angreifer kampfunfähig zu machen, ist das Ziel der Schutzhandlungen. Natürlichen Bewegungen, die ohne Kraftaufwand überraschend effektiv wirken, werden unter den Teilnehmern und bei den geschützten Trainern erprobt. Da nur verinnerlichte Abläufe in einer Not-/Highstresslage automatisch ablaufen, werden die Schutzhandlungen mit Alltagsbildern belegt, die mit Mentaltraining immer wieder wiederholt werden können.
„Gewalt ist eine traumatische, das Leben verändernde Erfahrung. Ob man Opfer oder Täter ist, Gewalt überlebt zu haben verändert den Menschen auf immer. Dass Gewalt einen so starken Eindruck in unserer Psyche hinterlässt, sollte uns dazu bringen, erst einmal innezuhalten und nachzudenken, bevor wir uns in einer solchen Situation wieder finden (Marc A. Young).“ Diese eindrücklichen Gedanken aufnehmend planen die Teilnehmer anhand einer Straßenkarten und Informationen über die Stadt in der das Seminar stattfindet, ihre „Regelfahrtstrecken“ von der fiktiven Wohnung zu ihrem fiktiven Arbeitsplatz. Alle regelmäßigen Aktivitäten von Menschen sind für eine Entführung und gezielte Gewalttat von entscheidender Bedeutung. Es galt verschiedene Strecken nach ihren Gefahrenpunkten zu untersuchen und zu bewerten und Fluchtmöglichkeiten zu sicheren Örtlichkeiten (Polizei, militärische Einrichtung, öffentliche Gebäude etc.) zu finden und zu fixieren. Nach der Planung folgt die praktische Erprobung. Es wird eine Verfolgung mittels eines Fahrzeuges simuliert. Es gilt das Fahrzeug zu erkennen, einen Notruf mit den wichtigsten Daten abzusetzen und einen sicheren Ort („Save haven“) anzufahren. Die gefühlte Erfahrung, dass man viel mehr wahrnimmt als man glaubt, wenn man aufmerksam fährt und das praktische Erleben, dass es sehr viele Möglichkeiten gibt auf eine Gefahr zu reagieren, wenn man solche Gefahren vorher mental analysiert und Handlungsalternativen parat hat, gibt den Teilnehmern Sicherheit und verändert ihren Blickwinkel.
Das praktische Training rund um das Kraftfahrzeug, mit Geländefahrzeugen und typischen Pkws, ist ein zentraler Bestandteil des Seminars. Richtiges Bremsen zur Vermeidung von Unfällen, alternative Reaktionen bei einem bewaffneten Überfall, Verhalten am Checkpoint oder wie fühlt es sich an entführt zu werden, lassen die Teilnehmer an ihre psychischen und physischen Grenzen stoßen. Im Vordergrund steht auch hier die Wahrnehmungsschulung. Das Erkennen von Gefahrensignalen, das wahrnehmen des Gefühls Gefahr („Gefahrenradar“) und das situationsadäquate Reagieren, also rechtzeitig erkennen und vermeiden, widerspiegeln auch hier den Leitspruch des Trainings.
Das Feedback eines Teilnehmers zeigt beispielhaft, was das Training für den einzelnen bringt. „Ich wurde individuell gefordert. Ich halte mich für besonnen und aufmerksam im Land in dem ich arbeite, musste aber lernen, dass es noch viel mehr gibt, was ich mit ganz geringen Mitteln zur Verbesserung meiner Sicherheit tun kann. Ich habe beim Fahren manchen Mythos ausgeräumt und Dinge mitgenommen von denen ich überzeugt bin, dass sie für mich in Krisensituationen nützlich sind. Ich habe erfahren, dass ich mehr weiß, als ich dachte. Ich habe für mich Grenzen bei der Anwendung verschiedener Möglichkeiten erfahren, bei denen ich nicht über die notwendige Praxis verfüge, um sie in Krisensituationen gezielt und vor allem wirkungsvoll einsetzen zu können. Ich habe Dinge gelernt, die genauso wirkungsvoll sind und nur wenig Praxis erfordern und vor allem, das es weitaus mehr Möglichkeiten des Selbstschutzes gibt als ich bisher dachte.“
Literaturhinweise:
Elisabeth Maria Litsch und Rainer Linsenmayr,
„Wenn Wissen Leben retten kann – Gewalt und Gefahren gewachsen sein“,
ein praktischer Ratgeber für den Auslandseinsatz, SoVA GmbH, Friesstr. 20-24, 60388 Frankfurt, Tel. 069 / 410211,
E-Mail: helmut.richter@sovaffm.de, ISBN 3-88085-539-0
De Becker, Gavin,
„Mut zur Angst – wie Intuition vor Gefahr schützt“, Frankfurt, Fischer 2001
Mac Young, Marc. A. und Dianna Gordon,
„Safe in the City – Self Defense Training for Children“, www.nononsenseselfdefense.de, www.nononsenseselfdefense.com